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Jugend & Alkohol: Ein Dialog der sich lohnt
Immer mehr Jugendliche werden mit Alkoholvergiftung in Krankenhäuser eingeliefert. Der aktuelle Fall des 16-jährigen Lukas W., der mit über 4,8 Promille in eine Berliner Klinik eingeliefert wurde und nach mehreren Wochen im Koma schließlich starb, hat eine Debatte über jugendliches Trinkverhalten ausgelöst.
Dem 16-jährigen Schüler Lukas W. aus Berlin wurde der Alkohol zum Verhängnis. 50 Tequila soll der Gymnasiast in einer Bar getrunken haben. Er fiel in ein wochenlanges Koma, die Ärzte kämpften um sein Leben.
Doch für die jungen Organe des Heranwachsenden war die Alkoholmenge einfach zu viel. „Natürlich gab es schon immer junge Menschen, die viel getrunken haben. Geändert hat sich wohl eher die Öffentlichkeit des Trinkens und das sogenannte Komatrinken als Modeerscheinung.“
Der Wasserburger Polizeikommissar Peter Schuster ist Jugendbeamter und Sachbearbeiter für häusliche Gewalt. Er bestätigt einen erschreckenden Trend: Während der Alkoholkonsum bei Jugendlichen früher meist heimlich stattfand, ist es heute total normal, wenn Vierzehnjährige stolz erzählen, wie viel sie getrunken haben. Auch in unseren Kleinstädten und ländlichen Regionen stellt es nicht wirklich ein Problem dar, an Alkohol zu kommen. Denn, sieht man nicht eben aus wie ein Grundschüler, so frägt in Supermärkten selten jemand nach dem Alter. Ob es sich dabei um Bier, Wodka oder Likör handelt, spielt an der Kasse keine wesentliche Rolle.
Anders verhält es sich in den örtlichen Tankstellen oder den kleineren Läden. Hier steht der Ladenbesitzer mit seiner Verantwortung im Vordergrund und fragt bei Zweifel nach Ausweis und Alter. Letztendlich kommen die jungen Menschen aber in vielen Fällen auch zu Hause an eine gut bestückte Hausbar - und ob da in der Whiskeyflasche die Hälfte fehlt, das merkt meist niemand.
Die Statistik hinkt
Angeblich trinken immer weniger Jugendliche Alkohol. Die offizielle Statistik wiederspricht mit dieser Aussage einem offensichtlichen Trend. Der Knackpunkt allerdings: Die, die trinken, tun es umso intensiver, öfter und bis zum Umfallen. Um rund 80 Prozent stieg die Zahl der Jugendlichen, die mit Vergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Warum?
Die Werbung von Likören und süßen Softdrinks vermittelt das Gefühl, wer Alkohol trinkt, ist automatisch gut drauf, hat eine tolle Party, ist sportlich und sieht natürlich blendend aus. Da möchte man als junger ungefestigter Mensch natürlich selber hinkommen.
Wen wundert es also? Mit dem Bildungsgrad hat der Konsum von Alkohol entgegen aller Vermutungen rein gar nichts zu tun. Gymnasiasten trinken sogar häufiger bis zum Vollrausch und Experten sehen unter anderem den enormen Leistungsdruck als Ursache. Der Alkohol durchzieht unsere Gesellschaft. Er wirkt sich auf Jugendliche wesentlich stärker aus als auf Erwachsene. Der Konsum beeinträchtigt die körperliche Entwicklung der jungen Menschen, schädigt das Gehirn und macht den minderjährigen Trinker innerhalb von wenigen Monaten süchtig.
Wegschauen mit fatalen Folgen
Der Fall des Berliner Jugendlichen hat auch bei uns eine Debatte um strengere Gesetze und Kontrollen der Alkoholabgabe an Jugendliche ausgelöst. Die Bundesregierung will keine schärferen Gesetze gegen das so genannte Koma-Trinken. Alkohol gehört nun mal zu unserer Gesellschaft. Ob unsere „Kids“ dem Alkohol gehören, das liegt allerdings auch an den Eltern. Viele Erziehungsberechtigte haben Scheu, sich einzumischen. Sie fühlen sich oft ohnmächtig und schauen weg … manchmal mit fatalen Folgen.
Die Polizei erfährt nicht alles.
Die aktuelle Statistik der jugendlichen „Komatrinker“ könnte deutlich anders aussehen. Man müsste die Zahlen sicherlich stark nach oben korrigieren, denn der Polizei werden Fälle von jungen bewusstlosen Betrunkenen nämlich nur dann gemeldet, wenn es beim Krankentransport zu Problemen mit dem Jugendlichen kommt. Wenn etwa randaliert wird oder sich der Betrunkene auffällig benimmt. Ansonsten ist eine Meldung an die Polizei nicht zwangsläufig an eine Einlieferung ins Krankenhaus gekoppelt.
Der Wasserburger Polizeioberkommissar Peter Schuster arbeitet als Jugendbeamter und betreut als Sachbearbeiter Fälle von häuslicher Gewalt. Als Vater eines 26-jährigen Sohnes appelliert er auch an die Eltern, genau hinzuschauen und sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein.
Dass Jugendliche Erfahrungen mit Alkohol machen, das ist wohl nicht weiter überraschend. Dass sie allerdings trinken bis der Sanitäter kommt ist erschreckend und eine durchaus neue Entwicklung. Stimmen Sie dem zu?
Peter Schuster: Ohne Zweifel. Das Komatrinken hat sich zu einer Modeerscheinung etabliert. Die Party-Veranstalter animieren die Jugendlichen bereits im Vorfeld mit aggressiver Werbung zum Konsum. „All you can drink… für nur 10 Euro!“ Die jungen Menschen bewegen sich im Gruppenzwang und haben nicht die Stabilität, sich dem Sog zu entziehen. Sie trinken große Mengen und das auch noch sehr schnell. Viele haben bereits im Alter von 14 Jahren die Tendenz zum Alkoholismus.
Im Fernsehen tanzen glückliche Menschen zu toller Musik als Untermalung für Parties mit hochprozentigen Cocktails. Wundert Sie das nachahmende Verhalten junger Menschen?
Peter Schuster: Die Tabakwerbung wurde verboten, das Problem mit dem Alkohol hingegen zur Seite geschoben. Alkohol gehört in unserer Gesellschaft zum Lebensstil. Die Kinder eifern einem falschen Idealbild entgegen und das ist durchaus Besorgnis erregend. Umso mehr sehe ich die eigentlichen Erzieher in der Verantwortung, ihre Kinder ausreichend über die gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums aufzuklären. Da machen es sich die Eltern oft zu leicht und missbrauchen die Schule als gern gesehenen Blitzableiter.
Was raten Sie besorgten Eltern in ihrer Funktion als Vater und Polizist?
Peter Schuster: Es ist vor allem wichtig, die eigenen Kinder gut zu beobachten um erste Anzeichen zu erkennen. Ist das Kind nach einer Party besonders blass, appetitlos und schwach, so könnten das Folgen von erhöhtem Alkoholkonsum sein. Dass das auch mal passieren kann, steht außer Frage, wird es allerdings zur Regel, sollte man sich unbedingt einmischen. Wichtig ist in jedem Fall eine vertrauensvolle Basis zum Kind aufzubauen und immer im Dialog zu bleiben. Eine Musterlösung gibt es allerdings nicht, denn dann wären wir schon einen enormen Schritt weiter.
Nina Bufalino




